Lettland/Estland, Juli 2001

Servas Reiserapport

1991 gelangten die baltischen Völker plötzlich ins Blickfeld Europas: Ihr mutiger Einsatz für ihre Freiheit beeindruckte hierzulande viele. Anlässlich eines Urlaubs hatte ich im Sommer 1994 die Möglichkeit, in Lettland und Estland einen ersten Augenschein zu nehmen (wer konnte wissen, wie lange Russland den Balten die Freiheit lassen würde…). Durch schöne Zufälle entstanden dabei mehrere Freundschaften. Schon 1995 wiederholte ich den Besuch, diesmal zusammen mit meiner Partnerin. Die Bande vom letzten Jahr waren sofort wieder geknüpft; in Litauens Hauptstadt Vilnius lernten wir nota bene erstmals die Organisation Servas kennen.

Nach sechs Jahren wollten wir diese Gegend wieder erleben – und wir fühlten uns verpflichtet, unsere Freunde wieder zu besuchen, die langsam älter werden. So verbrachten wir im Sommer 2001 erneut drei Wochen in Lettland und Estland:

Riga mit dem wieder aufgebauten Schwarzhäupterhaus (fast zu neu!), das waldreiche, flache Kurland, das verträumte (Westernfilm-artige) Kuldiga, das herrlich restaurierte Rastrelli-Schloss Rundale – und dann im Gauja-«Hochland» (bis zu 300 Meter!) zu Besuch bei unsern Freunden. Die dünn besiedelte, leicht wellige, teils nicht mehr berührte und verwaldende Landschaft sowie alles, was da kreuchte und fleuchte, taten den Augen und der Seele wohl.

Im Vergleich zu 1995 wirkt das Baltikum «verwestlicht». Im Hinterland hat sich zwar – ausser dem gestiegenen Warenangebot – für die Einwohner wenig verbessert: ausgedünntes Zugsnetz (viele haben halt nun ein Occasion-Westauto), wenig Arbeitsmöglichkeiten. Immer noch ist aber etwas Aufbruchstimmung spürbar, beispielsweise ein Privatschulprojekt in Drusti praktisch ohne Budget auf humanistisch-ganzheitlicher Grundlage; einzelne Lehrkräfte unterrichten gleichzeitig auch noch an der staatlichen Volksschule, um zu finanziell überleben.

In der Hauptstadt Riga kontrastieren Reichtum und Pracht mit Armut. Schön eingerichtete und wichtige Museen sind so schlecht angeschrieben, dass man sie suchen muss und ohne Adresse nie auf die Idee käme, den betreffenden Eingang anzusteuern. Riga entfaltet anderseits eine eindrückliche Pracht: Fast die ganze Altstadt ist auf die 800-Jahr-Feier hin minutiös restauriert worden, und es macht Freude, durch die verwinkelten Gassen mit den farbigen Häusern zu schlendern. Auch der überwältigende Schatz an Jugendstil-Häusern (ganze Strassenzüge) wird zunehmend aufgefrischt – allerdings nur dort, wo nachher potente westliche Gesellschaften daraus Profit schlagen oder ihren Firmensitz dekorativ zeigen können. Sei’s drum…

Obwohl unsere Freundschaften aus unserer Vor-Servas-Zeit stammen, hatten wir auch einige Servas-Erlebnisse (Servas-Adressen hat es im Baltikum fast nur in den grossen Städten: Riga, Tallinn, Vilnius, Kaunas, Pärnu):

In Riga waren wir bei einem Künstler angemeldet, der uns an einem seiner Arbeitsorte auf einem Maträtzchen am Boden (ohne Bettwäsche) unterbrachte, weil gleichzeitig ein Servas-Paar aus Schweden bei ihm zu Besuch war. Ohne unsere Leintuchschlafsäcke wäre es ungemütlich geworden. Den kurzen Abend, den wir mit ihm, seiner Frau und den andern Servas-Gästen in einer Altstadtbeiz verbrachten, war in Servas‘ Sinne sehr ergiebig; wir lernten viel über das «Überleben in der Bohème» vor und nach der Wende – der «Erweckung», wie sie sagen.

In Estlands Hauptstadt Tallinn nahmen uns ein Geschäftsmann und sein Sohnin ihrer Wohnung auf – in einem Wohnturm aus den 70er-Jahren, von sowjetischen Armee-Bautrupps hochgezogen und daher massiv, damit beim Bau nichts schief ging. Die meisten dieser Wohnungen sind nun an ihre Bewohner verkauft, welche sie gründlich und oft liebevoll renovieren. Auch unser Gastgeber hatte natürlich sein Handy, seinen (neuen) Wagen und geschäftlich recht viel zu tun. Er ist estnischer Vertreter einer deutschen Büromöbel-Firma; seine Frau, eine Tschetschenin, hat ihre Eltern in Wolgograd – so umfasst ihr Erfahrungshorizont Europa vom Rhein über das Baltikum und via Wolga bis Tschetschenien.

Tallinn ist ein mittelalterliches Bijou und «vaut le détour» selbst für Helsinki-Besucher. Ein sehr schön zurechtgemachter mittelalterlicher Stadtkern mit gemütlich gewundenen Auf-und-ab-Gässchen, dazu von vielen Punkten der Blick über die Hafenkräne auf die blaue Fläche des Finnischen Meerbusens. Das Lebensgefühl wirkt sehr westlich – es hat viele aufgepeppte Läden und Beizen.

Eine Velotour durch Estlands grösste Insel Saaremaa führte uns gewissermassen zurück in frühere Zeiten. Die Übernachtungen (hier gab’s keine Servas-Adressen) liessen wir uns vom kleinen lokalen Reisebüro arrangieren; zum Beispiel bei einer Familie auf ihrem vor zehn Jahren wieder zurückerhaltenen, Jahrhunderte alten Bauerngut; der ungestörte Schlaf in der restaurierten Blockhaus-Scheune – ohne Strom, ohne Wasser, nur Kerzenlicht, der Abort draussen an der «Sommerküche» angebaut, dafür abends Dusche mit Sauna – und erneut diese unaufdringliche Gastfreundschaft. Viele Familien bieten so, als Neben- (oder eher Haupt-) verdienst Ökotourismus an. Die Insel liegt auf der europäischen Ostsee-Fahrradroute, die hier allerdings erst rudimentär markiert ist. Sehr viele Adressen sind auch direkt über Internet abrufbar: Den besten Link-Zugang bietet www.osteuropa.ch. Da das herkömmliche Telefonnetz fragmentarisch war, haben fast alle Esten (und viele Letten) ein Handy und sind so ständig erreichbar. Das ist für Unterkunftssuche und Servas-Kontakt sehr angenehm! Das Netz überzieht lückenlos das ganze Land. Unser Fahrrad-Verleiher erklärte uns zum Beispiel, ein Reparaturset sei unnötig: Falls wir eine Panne hätten, sollten wir ihn einfach auf das Handy anrufen. Er bringe uns sofort mit dem Auto ein Ersatzvelo. Und das zehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus im Lande…